Zivilcourage Online: Jugendliche und Gewalt im Internet

Die Universität Wien hat gemeinsam mit ÖIAT/Saferinternet.at, dem Mauthausenkomitee, der kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems sowie dem BMI/BK Kriminalprävention & Opferhilfe ein Forschungsprojekt mit der Zentralen Forschungsfragen „Was hemmt (fördert) zivilcouragiertes Handeln jugendlicher Online Bystander* im Internet“ durchgeführt.
(Anm: Bystander = „Dabeistehende/r“, „Beobachtende/r“, „Jemand, der / die sich nicht aktiv einmischt“, „ZuschauerIn“)

Im Zuge von Einzelinterviews, Gruppendiskussionen sowie einer quantitativen Vignettenstudie wurde von April 2017-Februar 2019 geforscht, 1868 SchülerInnen zwischen 14 und 19 Jahren aus Wien wurden befragt.

Hier einige der sehr spannenden Ergebnisse

• 96% der befragten Jugendlichen gaben an Hasskommentare (sehr) oft zu sehen.
• 63% der befragten Jugendlichen gaben an schon selber Online Opfer von Hasskommentaren gewesen zu sein. Mädchen erleben Online deutlich mehr verbale Beschimpfungen als Burschen, reagieren auch sensibler darauf.
Was ist gemeint mit Hasskommentaren: schlechte/verspottende Kommentare, Haterseiten, Verbreitung verspottender Videos, Verbreitung unwahrer Nachrichten, Bedrohung, Erpressung, Online Stalking

Wie werden die Opfererfahrungen wahrgenommen?

• 41% der befragten Jugendlichen gaben an, dass die Erfahrungen eher oder sehr schlimm für sie waren, 41,6% davon hätten sich eher oder sehr stark Hilfe gewünscht

Jugendliche  mit eigener Opfererfahrung beobachten eher, wenn andere Hasskommentaren ausgesetzt sind.

Jugendliche mit eigener Opfererfahrung und höheren Bildungszugängen beobachten noch mehr.

• 32% der befragten Jugendlichen  gaben an, selber bereits TäterIn gewesen zu sein.

(Männliche) Opfer mit geringer Bildung neigen selbst eher dazu, Online-Täter zu werden.

Wie erleben Jugendliche Online Zivilcourage?

Burschen neigen dazu zu verharmlosen oder sehen es eher als Spaß, meinen, das Opfer müsse sich selber wehren  und gehen eher davon aus, dass das Opfer keine Hilfe will, meist selber schuld sei.
Mädchen halten Opfer für schwach, wolle keine Hilfe, könne sich online nicht wehren, meinen, das Opfer sei manchmal selber schuld.
Jugendliche haben große Unsicherheit bei der Bewertung von Onlineübergriffen. Der Unterschied zwischen Ernst uns Spaß ist oft unklar, will das Opfer Hilfe?

Die Meinung, dass man lernen muss, Kommentare nicht zu ernst zu nehmen, ist weit verbreitet.

Opfern wird eine hohe Verantwortung für Interventionen zugeschrieben. Opfer kann selber blockieren, melden, kommentieren. Entscheidend für Bereitschaft zur aktiven Hilfe ist der persönliche Bezug zum Opfer. FreundInnen werden eher unterstützt, oft auch im persönlichen, Offline Kontakt.

Je mehr Menschen es online sehen, desto weniger wird interveniert. Onlineinterventionen werden oft als wirkungslos erlebt. Öffentliches Kommentieren erscheint kontraproduktiv, wird  als zu spät gesehen, das Risiko selber Opfer zu werden wird als groß eingeschätzt.

Opferbezogene Interventionsstrategien von Jugendlichen

Mädchen unterstützen offline oder im privaten Chat, trösten und beraten. Involvieren selten Erwachsene, trauen ihnen nicht zu, hilfreich zu sein.
Burschen haben das Ziel Opfer zu rächen, tun dies auch eher offline, ziehen nur in sehr schweren Fällen in Betracht, Erwachsene zu involvieren.

TäterInnenbezogene Interventionsstrategien von Jugendlichen

Burschen und Mädchen haben das Ziel, TäterInnen zu verachten, zu löschen, zu verbannen. Sie konfrontieren offline, halten Blockieren für wirksam, die Wirkung einer Meldung für fraglich.
Burschen neigen dazu zu ignorieren und Drohungen nicht ernst zu nehmen. Resignieren, weil  Hassinhalte oder Videos ja bereits geteilt sind, unterstützen nicht, um nicht noch mehr zu verbreiten.

Zentrale Schlussfolgerungen

• Konzepte für Offline Zivilcourage sind nicht übertragbar auf Onlinezivilcourage
• Da aus positiven Erfahrungen des aktiven Unterstützung zu erkennen ist, dass es Opfern sehr gut tut, wenn sich andere auch Online einsetzen und Hilfe anbieten, braucht es mehr Bekanntheit über erfolgreiche Fälle, mehr Austausch über erfolgreiche Strategien. Wer diesbezüglich Erfolgsgeschichten kennt, bitte diese mir per Mail mitteilen, danke! Ich würde diese gerne sammeln! (Mailadresse siehe am Ende des Artikels, danke)
• Es braucht mehr Informationen über die Möglichkeit zu melden und mehr Unterstützung bei diesem Vorgehen.

Ein Folgeprojekt soll sich mit konkrete Kommunikationstools und Strategien, die das zivilcouragierte Handeln im Internet erleichtern, beschäftigen.

Weitere Informationen zur Studie:

Hilfe zur Löschung unangebrachter Inhalte:

Artikel zur Rolle von Bystandern:

Christina Pantucek-Eisenbacher, MA 13 Fachbereich Jugend

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(Beitragsbild von https://impact-sowi.univie.ac.at/faecher/soziologie/zivilcourage-im-internet-zuschauen-oder-handeln)

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