Aktionswoche „Novemberpogrom“ I (KUS-Netzwerk für Bildung, Soziales, Sport und Kultur)

Wir machen seit vielen Jahren im November Aktionen zum Thema „Novemberpogrom“.
Die Notwendigkeit für selbige ergab sich aus den Sozialkompetenzworkshops (auf der Basis der ZARA-Workshops), die vom KUS an unseren Standorten an den Berufsschulen durchführt wurden (manche auch in Zusammenarbeit mit dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands).
Bei der Frage, ob so ein radikaler politischer Umschwung wie im Zweiten Weltkrieg wieder passieren könne, meinten fast alle Schüler, dies sei denkbar unmöglich.

In den Berufsschulen – unsere Klientel sind ausschließlich Berufsschüler – haben wir einen sehr hohen Anteil an Schülern und Schülerinnen mit nicht-deutscher Muttersprache. Viele der Eltern unserer Schüler und Schülerinnen waren Flüchtlinge. Daher wurde die Frage gestellt woher jeder käme, der zuvor angegeben hatte, so etwas wie der Zweite Weltkrieg und die damit verbundenen Pogrome seien unmöglich in ihrer Wiederkehr. Die Fluchtursachen der Eltern und Großeltern vieler unserer Schülerinnen und Schüler sind/ waren ja Kriege oder dadurch verursachte Katastrophen.

Bei der Frage um die Herkunft ging es daher nicht darum, die Atrozitäten des Holocaust mit rezenten Kriegen zu vergleichen oder zu verharmlosen, aber es sollte aufgezeigt werden, dass politische Umschwünge oft unverhofft und plötzlich auftreten können, eingebettet in soziale, geopolitische, ökologisch-klimatische, historische, ökonomische und technische Entwicklungen. Bei den technischen Entwicklungen muss man – um einen Zusammenhang zu den aktuellen Medien und ihren möglichen Einfluss auf die Gesellschaft herzustellen – auf die damalige Mobilisierung durch neue Möglichkeiten der Propaganda hinweisen. Man muss auf Beispiele wie den Ersten Weltkrieg aufmerksam machen, wo der Telegraph und die Zeitungsfotos aufkamen. Im Zweiten Weltkrieg muss man über das Radio und den Tonfilm im Kino (Wochenschau) sprechen.  Das gab den Jugendlichen dann doch zu denken.

Wir haben in den letzten Jahren immer wieder zum Thema Pogrom mit Schülern gearbeitet und dabei unterschiedliche Materialien verwendet:

2011, zur 100-Jahr-Feier der Berufsschule Mollardgasse, hat eine der Direktionen des ZBG I Material, das von ehemaligen Schulklassen und Lehrern recherchiert wurde, aus dem Schularchiv der zu Verfügung gestellt, das die sogenannten J-Klassen betraf, die 1938 von den Nationalsozialisten eingerichtet wurden. In diesen Sammelklassen wurden nur jüdische Schüler geführt. Für dieses Projekt – die Ausstellung hatten wir ein halbes Jahr Vorlauffrist zu Verfügung.

Die Recherche zu den J-Klassen wurde von einem engagierten Lehrer über mehrere Jahre begleitet. Die Schüler sind vor Jahren bereits abgegangen. Diese Schüler recherchierten den Verbleib der Schüler aus der J-Klasse. Die Nachsuche der Schüler führten sie zur MA12, zur israelitischen Kultusgemeinde und zum Dokumentationsarchiv. Die Recherche ergab, dass 22 der 23 Schüler flüchten konnten und überlebten. Die Fluchtrouten führten oft über Luxemburg und Frankreich nach Israel, England, Italien, Australien, Kanada, USA und China. Zwei der ehemaligen Schüler der J-Klasse wurden mit ihren Gattinnen und der Hilfe des Jewish Welcome Service nach Wien eingeladen. Mit einem dieser ehemaligen Schüler entstand ein enges Verhältnis; Herr Leo Bretholz hat auch ein Buch über seine siebenjährige Flucht geschrieben „Flucht in die Dunkelheit“ ist im Löckner Verlag erschienen.
2004 wurde schließlich in einem feierlichen Akt neben dem Haupteingang der Mollardschule eine Gedenktafel an alle vertriebenen und ermordeten jüdischen Berufsschülerinnen und Berufsschüler errichtet.
Die Unterlagen aus dem Schularchiv und der Recherche der Schüler wurden 2011 vom KUS bei der Jubiläumsfeier in Vitrinen am Gang vor der Lehrlingsbibliothek ausgestellt.

Zur selben 100-Jahr Feier machte eine Klasse von Schülern ein Interview mit einer Holocaust Überlebenden, die als U-Boot im Haus neben der Berufsschule versteckt wurde. Diese Klasse wurde von dem Lehrer und dem KUS eine Semester lang begleitet. Die überlebende Dame wurde im Rahmen des Projekts „A Letter to the  stars“ von einer Klasse zu Herren Reinhold Duschka interviewt, der sie und ihre Mutter versteckt hatte. Diese Geschichte wurde mittlerweile von Herrn Erich Hackl zu dem Roman „Am Seil“ verarbeitet. Der Vortrag und das Interview mit der Überlebenden wurden von der Klasse gefilmt und zur 100-Jahr-Feier 2011am Gang neben der Lehrlingsbibliothek mit einem Beamer an die Wand geworfen.

Um nicht zu einseitig zu sein, fand gleichzeitig in der Bibliothek die Fotoausstellung „Die Kinder von Maison d’Izieu“ statt,  die von der Gedenkstätte des Maison d’Izieu zusammengestellt und uns von der Agentur Milli Segal vermittelt wurde. Diese Ausstellung wurde vom BMUKK und dem Zukunftsfond der Republik Österreich realisiert.
Die Kinder von Izieu lebten in Frankreich versteckt in einem Kinderheim und wurden am 6. April 1944 gemeinsam mit ihren Erzieherinnen und Erziehern von der Gestapo verhaftet und als einer der letzten Transport nach Ausschwitz deportiert und vergast. 7 dieser 44 Kinder stammten aus Wien.
Es war uns wichtig zu zeigen, dass nicht alle, die aus Wien flüchten konnten, auch überlebten und wir wollten auch die Gefährlichkeit der Flucht und die Gefährdung der Fluchthelfer vermitteln. Für uns war es eine große Ehre und ein Bedürfnis diese Kinder wenigstens für eine kurze Zeit beherbergen zu dürfen.

In den zwei darauffolgenden Jahren hatte wir eine weitere Wanderausstellung zu Gast in der Bibliothek, diesmal mit Roll-Ups zum November Pogrom: „Auf den Spuren eines Fotos“ (ebenfalls über die Vermittlung www.millisegal.at). Es handelte sich dabei um Fotos von Kindern, die den Holocaust überlebten und ihre oft sehr traumatischen Fluchtbiographien erzählten.
Die Unterlagen zu dieser Ausstellung wurden auch in den Jahren danach immer wieder für Klassen-Workshops verwendet:  Fotos und schriftliche Biographien von Kindern – auch österreichischen-, die zusehen mussten, wie ihre Angehörigen erschossen wurden, die sich  in Pflegefamilien versteckten, die im Wald überlebten und so weiter. Die Schüler müssen mit diesen Unterlagen dann selbst eine Ausstellung gestalten.

Ein weiteres spannendes Projekt zu diesem Thema wird in einem nachfolgenden Blogartikel präsentiert!

KUS-Netzwerk für Bildung, Soziales, Sport und Kultur

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