Nachwirkungen einer Social Media Fortbildung

„Die Kinder hängen eh zu viel am Handy und sollen sich lieber mit den Sachen beschäftigen die in der Realität rund um sie geschehen“ – So waren meine Gedanken noch vor kurzem. Zwar waren wir schon seit zwei Jahren auf facebook und hatten am Diensthandy whatsapp – was aus meiner Sicht dafür dienlich war um die Kontaktaufnahme und Informationsweitergabe mit und an die Zielgruppe zu vereinfachen. Dass man auf den facebook-Seiten der Kinder und Jugendlichen auch sehr viel über ihre Lebenswelt erfährt, kapierte ich damals auch noch nicht so ganz. Diesen Schalter hat es mir erst später umgelegt.

Und zwar bei einer vereinsinternen Fortbildung über Social Media. Da ich Fortbildungen grundsätzlich immer spannend finde meldete ich mich also an und ging recht erwartungslos dort hin. Und mit geöffneten Augen wieder raus…

Der Themenschwerpunkt des Vortrages lag auf Snapchat, Twitter, Whatsapp und Musically und wurde von der Vortragenden so gestaltet, dass wir wirklich in die Realität der Kinder und Jugendlichen eingetaucht sind. Mir wurde so richtig bewusst, dass ich einen ganz wesentlichen Teil der Lebenswelt unserer Zielgruppe einfach abgeschnitten habe – dabei möchte ich doch eine Ansprechperson und Wegbegleiterin für sie sein! Aber mit wem sollen sie denn drüber reden wenn wir Erwachsenen sich nicht für ihre Welt interessieren? Ich war über mich selbst schockiert.

Ich installierte noch am selben Tag die ganzen Apps auf unserem Diensthandy und setzte mich damit in den nächsten Betrieb. Als erstes wollte ich mich mit „Musically“ beschäftigen und fragte ein Mädchen, ob sie mir denn zeigen könnte wie die App funktioniert. Und dann wurde die ganze Geschichte zum Selbstläufer: wir machten ein Video nach dem anderen und hatten viel Spaß dabei. Dann zeigten mir die Mädels ihre Videos und ich war – so richtig – mitten drin in ihrer Lebenswelt. Ihre offensichtliche Freude daran, dass ein Erwachsener sich dafür interessiert ist die eine Sache. Die „Subbotschaft“ solcher Videos zu verstehen die andere. Hierzu nur ein kurzes Beispiel: ein Mädel zeigte mir ein Video von ihr, dass schon einige Monate älter war und sagt dazu: „Da war ich noch fett!“ (Dass sie abgenommen hatte war mir schon aufgefallen und dass sie sich ritzt wusste ich auch schon). Diese paar Sekunden Video gemeinsam mit der Aussage führten zu einem intensiven Gespräch zwischen uns über die Themen Selbstverletzung, Selbstliebe, Selbstvertrauen usw. und ich hatte das Gefühl dieses Mädchen so richtig zu verstehen und dadurch auch mit meiner Beratung wirklich bei ihr anzukommen.  Keine Ahnung wie lange es gedauert hätte sie für solch ein Gespräch zu öffnen, wenn der Ausgang hierfür nicht ein so großer Teil ihrer Lebenswelt wäre.

Mein Fazit aus der ganzen Geschichte ist also:

Liebe Kolleg*innen! Versperrt euch nicht vor Snapchat, Musically, Twitter und Co. Ihr stellt euch damit selber ins out! Um unseren Kindern und Jugendlichen Medienkompetenz vermitteln zu können müssen wir die Medien selber verstehen und uns drauf einlassen, um ein kompetenter und interessanter Ansprechpartner sein zu können. Also – habt Mut zur Veränderung und lasst euch entführen in die Welt unserer Zielgruppe!

Daniela Mayr, Verein JUVIVO 03

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