Barcamp-Nachlese: Soziale Medien als Sozialraum denken

Besonders für Kinder und Jugendliche sind digitale Medien in den vergangenen Jahren zum immanenten Teil ihrer sozialen Wirklichkeit geworden. Die von Friedrich Krotz als Mediatisierung bezeichnete zeitliche, räumliche und soziale Durchdringung des Alltags mit Medien betrifft jedoch nicht nur die Lebenswelt von Heranwachsenden. Neue Medien nehmen verstärkt Einfluss auf berufliche und professionelle Kontexte. Die Einrichtungen der offenen Jugendarbeit, ihre Angebote sowie das fachliche Handeln erfahren gleichsam eine Mediatisierung, woraus sich sehr deutlich neue und erweiterte
Reflexionsnotwendigkeiten ergeben. “Soziale Arbeit steht vor der Herausforderung, diese (nicht mehr ganz neue) mediale Verortung von Alltagsbezügen und -praktiken ihrer Adressat_innen in ihre professionellen und institutionellen Erbringungsformen und Praktiken einzubeziehen und diese entsprechend anzupassen und weiterzuentwickeln, aber auch auf die Veränderungen hin, die diese Neuverortungen mit sich bringen, zu reflektieren” (Kutscher et al. 2015: 283).
Gleichzeitig beobachten wir, dass Jugendliche immer weniger im öffentlichen Raum präsent sind und verstärkt auf virtuelle Räume ausweichen, welche eine Art Erweiterung ihrer Sozialräume darstellen. Um diesem Aspekt Rechnung zu tragen, muss Mobile Jugendarbeit: „die Kontaktmöglichkeiten systematisch um eine neue räumliche Dimension […] ergänzen“ (Bollig, Keppeler 2015: 103) und „ihr Handlungsspektrum […] um die Methode einer virtuell-aufsuchenden Arbeit“ erweitern (ebd.: 102). An dieser Stelle soll noch einmal auf die drei Dimensionen hingewiesen werden, in denen sich Jugendarbeit mit digitalen Medien befasst (Pöyskö, Anderle 2017: 1):

  • Digitale Medien als Instrument der Jugendarbeit
  • Digitale Medien als Inhalt und Gegenstand pädagogischer Auseinandersetzung
  • Digitale Medien als Handlungsraumund Handlungsumgebung für die Jugendarbeit (in dieser Dimension wäre die virtuell-aufsuchende Arbeit zu verorten.)

Natürlich kann diese Einordnung nicht trennscharf vorgenommen werden, sowohl bei der virtuell-aufsuchenden Jugendarbeit als auch bei der digitalen Jugendarbeit handelt es sich um relativ junge, noch nicht etablierte Konzepte, die sich im Wandel befinden.

Ein möglicher Ansatz, um sich mit Fragen zu digitaler und virtueller Jugendarbeit zu befassen, ist, Soziale Medien als Sozialräume zu begreifen. Denn nach heutigen Raumvorstellungen findet die Entwicklung und Sozialisation von Heranwachsenden zusätzlich zu öffentlichen Räumen auch in Medienwelten statt. Laut Löw (2001: 93) stellt der „Umgang mit simulierten oder imaginären Räumen […] einen nicht zu leugnenden Aspekt kindlicher und jugendlicher Bildungsprozesse dar.” Basierend auf einem relationalen Raumverständnis wird angenommen, dass Medien heute nicht nur in Sozialräumen verortet werden können, sondern selbst als Sozialräume gedacht und untersucht werden müssen (Reißmann 2013: 91f). Digitale Räume als Sozialräume zu begreifen ermöglicht, Fragen nach der Rolle der Offenen Jugendarbeit aus einer anderen Perspektive zu stellen. So kann deutlicher zwischen Haltung zu Medienfragen und praktischem Umgang mit Sozialen Medien unterschieden werden. Damit ließe sich etwa argumentieren, dass ein Jugendarbeitsteam eine klar interessierte Position zu Soziale Medien bezieht, sich damit auskennt, offen für Gespräche und Auseinandersetzung damit ist – und trotzdem keinen eigenen Facebook Kanal bespielen muss.

Imola Galvácsy hat ihre Masterarbeit zum Thema Jugendarbeit im virtuellen Raum geschrieben. Beim Barcamp Medien.Kompetenz.JA hat sie gemeinsam mit Sertan Batur und Katharina Röggla vom Verein JUVIVO eine Session zu den digitalen Herausforderungen für die Jugendarbeit gestaltet.

  • Bollig Christiane, Keppeler Siegfried (2015): Virtuell-aufsuchende Arbeit in der Jugendarbeit. In: Kutscher Nadia., Ley Thomas, Seelmeyer Udo (Hg.): Mediatisierung (in) der Sozialen Arbeit. Hohengehren, Baltmannsweiler: Schneider. S. 94-114.
  • Krotz Friedrich (2017): Sozialisation in mediatisierten Welten. In: Dagmar Hoffmann, Friedrich Krotz, Wolfgang Reißmann (Hg.): Mediatisierung und Mediensozialisation. Prozesse – Räume – Praktiken. Wiesbaden : Springer VS. S. 21-40.
  • Kutscher Nadia, Ley Thomas, Seelmeyer Udo (2015): Mediatisierung im Horizont sozialpädagogischer und technikbezogener Theorieperspektiven. In: Kutscher Nadia., Ley Thomas, Seelmeyer Udo (Hg.): Mediatisierung (in) der Sozialen Arbeit. Hohengehren, Baltmannsweiler: Schneider. S. 281-298.
  • Löw Martina (2001): Raumsoziologie. 1. Aufl., Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Pöyskö Anu, Anderle Michaela (2017): Digitale Jugendarbeit. wienXtramedienzentrum. Unveröffentlichtes Manuskript.
  • Reißmann Wolfgang (2013): Warum Netzwerkplattformen (keine) Räume sind: In:
    Junge Thorsten (Hg.): Soziale Netzwerke im Diskurs. Artikel als pdf online [6.01.2018]

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