Barcamp-Nachlese: Online-Streetwork als Methode der Digitalen Jugendarbeit

Wann immer Kolleg*innen der Offenen Jugendarbeit zusammenkommen, um Berufliches zu besprechen, könnte man ein Trinkspiel daraus machen wie oft der Begriff “Lebenswelt” fallen wird, wäre man nicht von Berufs wegen dem Gedanken der Suchtprävention verpflichtet.
Der Jugend-Internet-Monitor weist für 2018 folgende Zahlen aus: in Österreich nutzen in der Gruppe der Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren 85 Prozent Whatsapp, 81 Prozent YouTube und 63 Prozent Instagram (Jugend-Internet-Monitor 2018). Onlinewelten sind also jugendliche Lebenswelten schlechthin. Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht, dass laut einer Ende 2017 veröffentlichten Erhebung des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie, Jugendarbeiter_innen in Österreich davon berichten, dass sie sich das benötigte Wissen für Digitale Jugendarbeit hauptsächlich über „learning by doing“ aneignen und nur in sehr geringem Ausmaß auf während der Ausbildung erworbene Kompetenzen zurückgreifen können (Mayrhofer, Neuburg, Schwarzl, 2017 – Quelle s.u.). Hier wird ein Abstand zwischen den Bedürfnissen der praktischen Arbeit und den während der Ausbildung vermittelten Inhalten deutlich: Es besteht  sowohl in methodischer als auch in theoretischer Hinsicht entsprechender Entwicklungsbedarf im Bereich der Digitalen Jugendarbeit.

Webvideos und Online Streetwork

Als Verein „turn“ leisten wir dazu einen Beitrag. Wir überlegen 2017 Möglichkeiten, Herangehensweisen und Methoden der Online-Jugendarbeit und erproben sie praktisch. Wir wollen an diesen Teil jugendlicher Lebenswelten gezielt andocken. Unser Fokus liegt dabei im Bereich der Fanatisierungsprävention, der politischen Bildung und des Online-Streetworks.
Das Webvideo-Projekt „Jamal al-Khatib – Mein Weg“ ist ein Schritt in diese Richtung. Mittels narrativer Biografiearbeit werden gemeinsam mit jungen Aussteigern aus der Wiener jihadistischen Szene alternative Narrative verfasst. Diese beruhen auf den Erlebnissen und Erfahrungen der Jugendlichen. So entstehen biografische Texte, die im Anschluss in Webvideos übersetzt werden. Im Mittelpunkt der Darstellung steht der fiktive Charakter „Jamal al-Khatib“. Anhand seiner Biografie werden die zuvor mit den Jugendlichen gemeinsam erarbeiteten Themen und Perspektiven dargestellt. Mit diesen Kurzfilmen werden während der Online Phase verschiedene Social Media Plattformen bespielt.

Echokammern und Filterblasen

In dieser Phase des Online-Streetworks geht es darum, eine allgemeine jugendliche Dialoggruppe zu erreichen. Erklärtes Ziel ist aber auch, in Filterblasen und Echokammern vorzudringen und in eine Diskussion mit jihadismusaffinen Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu treten. Bei den Diskussionen mit den Zielgruppen in den Kommentarspalten, oder über Messenger, können wir auf die Expertise von Islamwissenschaftern im Team zurückgreifen. Sollte bei Onlinekontakten Bedarf danach erkannt werden, wird eine Weitervermittlung zu spezialisierten Beratungseinrichtungen angestrebt.
Im Sinne eines partizipativen, bottom-up Ansatzes sind die jugendlichen Projektteilnehmer in alle Phasen der Projektarbeit eingebunden. Sie steuern biografische Episoden während der Textarbeit bei, beteiligen sich an der Verfilmung und auch am Online-Streetwork (Peereducation).

Zweite Staffel

Derzeit realisiert unser Verein turn in Zusammenarbeit mit der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung eine zweite Staffel der Webserie „Jamal al-Khatib – Mein Weg“. Die Videos werden ab Mai 2019 online gehen. Im Rahmen der zweiten Staffel werden wir versuchen die Verbindung von Online- und Offlinejugendarbeit weiter auszubauen. Wesentliche Neuerung ist die Entwicklung eines Webformates mit jugendlichen und jungen Frauen.

Detaillierte Informationen zu unserer Arbeit bzw. Links zu den Webvideos und eine Kontaktmöglichkeit finden Sie auf unserer Homepage turnprevention.com

Zitierte Studie: Mayrhofer, Hemma; Neuburg, Florian; Schwarzl, Christina (2017): Bestandserhebung zu e-youthwork in der Offenen Jugendarbeit in Österreich. Zwischenbericht zum KIRAS-Forschungsprojekt „E-YOUTH.works – Offene Jugendarbeit in und mit neuen Medien als Schutzmaßnahme gegen radikalisierende Internetpropaganda“ Working Paper NO. 19, Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie (Wien)

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